Wohin wendet man sich, wenn im Netz ein täuschend echtes, mit KI gefälschtes Video von einem selbst kursiert? Die Jugend-Enquete-Kommission 2026 (JEK26) fordert für solche Fälle eine zentrale, anonyme Anlaufstelle für Betroffene digitaler Gewalt. Diese und sechs weitere Forderungen aus ihrem Policy Paper (einem Positionspapier) „Fake News und KI: Gefahren für die Medienlandschaft“ stellt sie am Abend des 16. Oktober im Allianz Forum in Berlin vor. Rund 200 Gäste nehmen teil, darunter Vertreter:innen von Stiftungen, Verbänden und weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie viele junge Menschen.

Nach der Begrüßung stellt Kommissionsmitglied Sophia-Soraya Gergin die Kommission vor. Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb, Schirmfrau der Jugend-Enquete-Kommission, wendet sich per Videobotschaft an die Gäste. Eine Laudatio hält Silke Zimmermann, Vorständin der Nemetschek Stiftung. Anschließend stellen die Mitglieder der Kommission ihr Papier vor und beantworten Fragen aus dem Publikum.

Am Vormittag hat die Kommission ihre Forderungen bereits an rund 15 Abgeordnete des Bildungsausschusses des Deutschen Bundestages übergeben. Erarbeitet haben sie 18 junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, in Arbeitsgruppen und im Austausch mit Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Praxis.

„Früher hieß es Rage against the machines, jetzt heißt es Rage made by the machines“, sagt Silke Zimmermann, Geschäftsführende Vorständin der Nemetschek Stiftung.

Eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene

Eine Forderung betrifft direkt die Arbeit vieler Organisationen, die an diesem Abend vertreten sind. Die Anlaufstelle soll als bundesweites Online-Portal bei der Bundesnetzagentur entstehen. Sie soll Meldungen entgegennehmen und an bestehende Angebote wie HateAid, die Nummer gegen Kummer oder den Weißen Ring weitervermitteln, statt eine eigene Beratung aufzubauen.

Zugleich soll die Stelle als sogenannter Trusted Flagger arbeiten, also als vertrauenswürdige Hinweisgeberin nach dem Digital Services Act der EU. Meldet sie problematische Inhalte, müssen Plattformen diese vorrangig prüfen.

Auch die Bundesregierung will Betroffenen den Weg zu Hilfe erleichtern. In ihren Eckpunkten vom 14. Oktober kündigt sie an, sich bei den Ländern für eine Kinder-Online-Wache einzusetzen, eine kindgerechte Variante der bestehenden Online-Wachen der Länder. Die Anlaufstelle der Kommission setzt breiter an: Sie soll Betroffenen jeden Alters offenstehen und problematische Inhalte als Trusted Flagger direkt an die Plattformen melden.

Strengere Regeln gegen Deepfakes

Am 7. Oktober hat das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes gegen digitale Gewalt beschlossen. Er stellt unter anderem das Verbreiten ansehensschädigender Deepfakes unter Strafe, also täuschend echter, mit KI erzeugter Bild-, Ton- und Videofälschungen. Ihre bloße Herstellung bleibt nach dem Entwurf straflos, sofern die Inhalte nicht sexualisiert sind.

Die Kommission legt dazu einen eigenen Formulierungsvorschlag vor, der schon das Herstellen erfasst. Taten gegen Minderjährige sollen danach härter bestraft und von Amts wegen verfolgt werden. Kunst, Satire, Wissenschaft und Berichterstattung bleiben ausdrücklich ausgenommen.

Sieben Forderungen in drei Handlungsfeldern

Neben dem Schutz vor digitaler Gewalt fordert die Kommission verbindliche Jugendschutzregeln für soziale Netzwerke und, solange diese fehlen, ein Mindestalter von 16 Jahren für eigene Accounts, drei Jahre mehr als in den Eckpunkten der Bundesregierung. Schulen sollen die Medienkompetenz in der neunten Klasse verbindlich testen und Lücken mit passenden digitalen Lernmodulen schließen. Außerdem sollen Schulen und Bundesverwaltung beim Einsatz von KI und Cloud-Diensten stärker auf europäische Anbieter setzen.

Über die Jugend-Enquete-Kommission e. V.

Die Jugend-Enquete-Kommission e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit 2021 für eine stärkere, strukturell verankerte Beteiligung junger Menschen an politischen Entscheidungsprozessen einsetzt. Kern der Arbeit ist die jährliche Organisation einer Jugend-Enquete-Kommission zu gesellschaftlich relevanten Themen. Die Ergebnisse werden in Form von Policy Papers veröffentlicht und an Vertreter:innen aus Politik und Gesellschaft übergeben.